Vor einiger Zeit schlenderte ich, tief in Gedanken versunken durch eine kleine Gemäldegalerie. Mein Blick fiel, ich weiß wirklich nicht warum, auf ein wunderschönes Gemälde. Unvermittelt blieb mir der Atem weg und ich vergaß meinen Mund zu schließen. Nur eine Landschaft in Grün, Weiß und Blau. Im Vordergrund einige Birken an einem kleinen Bach. Darüber der weit offene Himmel. Eingefasst war das Bild in einen schmalen, geschnitzten Rahmen. Mir erschloss sich allerdings nicht, was mich an gerade dieser Abbildung so sehr bezauberte. Ich konnte nicht anders. Da ich völlig allein und ungestört war, nahm ich das Bild von der Wand. Es war quadratisch, relativ klein und wog nicht viel. Scheinbar war es alt. Aber jetzt, aus der Nähe betrachtet, schien der Zauber plötzlich wie ausgelöscht. Die Signatur, obwohl sauber und gut lesbar, konnte ich keinem mir bekannten Maler zuordnen. Ein Informationsschild fehlte. Mit ausgestreckten Armen hielt ich das Kunstwerk weit vor mich hin. Der Zauber sprang mich plötzlich wieder an. Wie war das bloß möglich? Wo kam er so überraschend wieder her? Wo hatte er sich bis gerade eben noch verborgen? Von unbändiger Neugier getrieben, drehte ich das Bild auf den Kopf. Nichts! Die Rückseite betrachtend, fand ich erst recht nichts. Man muss die Farben und die Maltechnik genauer untersuchen, wurde mir klar. Wenn sich der Zauber irgendwo verborgen hatte, dann nur dort. Ich betrachtete die Farben, fuhr mit den Fingerspitzen die Strukturen der Pinselstriche nach, tastete schließlich mit der ganzen Handfläche das Grün, Weiß und Blau der Oberfläche ab. Ergebnislos! Auch so erschloss sich mir das Geheimnis nicht. Verzweifelt schüttelte ich das Bild in meinen Händen. Auch nichts! Nicht einmal ein leises Klappern oder Rasseln im Rahmen war zu vernehmen. Davon ließ ich mich allerdings nicht entmutigen. Ich hielt das Bild wieder vor mich hin. Da, der Zauber tauchte erneut, übermächtig vor meinen verzückten Augen auf. Ich musste ihm auf die Spur kommen! Ich war immer noch allein. Mit meinem kleinen Taschenmesser in der Hand, schnitt ich das Bild, ohne weitere Umstände zu machen, aus dem Rahmen. Wenn es an der Oberfläche nichts zu finden gab, dann blieb ja, den Gesetzen der Logik folgend, nur das Innere des Gemäldes. Ich legte die bemalte Leinwand aufs Parkett und schnitt sie, von oben nach unten, in schmale Streifen. Dabei ließ ich einige Vorsicht walten, damit ich nicht etwa mit der Klinge den Zauber zerstörte, der sich bisher immer noch nicht meinen Blicken zeigen wollte. Aber ich stieß auch jetzt nicht auf ihn. Da er in den länglichen Streifen nicht zu finden war, bestand nur noch die Möglichkeit, die Streifen in kleinere Vierecke zu verwandeln. Ich war immer noch allein. Meine Beschäftigung ließ mir inzwischen den Speichel über die Lippen rinnen. Ich achtete nicht darauf. Sorgfältig und vorsichtig führte ich mein Messer jetzt quer über jeden einzelnen Streifen. Nur stieß ich auch so noch immer nicht auf den Zauber des Gemäldes. Wie ein ungeordneter Haufen von Puzzleteilen, lagen nun Leinwandfetzen auf dem Boden übereinander. Bunt und an den Rändern etwas ausgefranst. Auf meine Stirn war kalter Schweiß getreten. Mir war übel. Aber, ich hatte nichts gefunden. Jetzt musste ich wohl aufgeben. Es gab keine Optionen mehr. Ich steckte das Messer in die Jackentasche, wendete mich enttäuscht um und beschloss zu gehen. So gern hätte ich herausgefunden, wo die Magie dieses Bildes steckte. Kaum drei Schritte war ich gegangen, als ich auf eine letzte Idee verfiel. Vielleicht war dieser Zauber ja etwas Mentales, ein flüchtiger, anmutiger Geist, der in der Gesamtheit der bemalten Leinwand steckte? Wenn ja, dann wird, dann muss er noch immer darin enthalten sein! Ertappt! Das musste es sein! Ich bleckte mit einem Grinsen die Zähne, und eilte drei Schritte zurück. Noch im Gehen zog ich ein Feuerzeug aus der Hosentasche. Wie anders als mit Feuer könnte ich den Geist zum Erscheinen zwingen? Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis kleine Flammen und dunkler Rauch aufstiegen. Ein irres Kichern entfuhr mir, ehe ich es verhindern konnte. Im immer dichter werdenden Rauch begannen sich Konturen abzuzeichnen. Gleich, gleich würde er sich offenbaren, ahh! Vom schrillen Alarmheulen herbeigerufen rannten einige Leute an die kleine Brandstätte. Der vermutliche Brandstifter wurde umgehend von zwei kräftigen Männern festgehalten und aus dem Raum gezerrt. „Der Zauber, der Zauber, halt, wartet! Lasst mich doch nur noch einen Augenblick beobachten, gleich wird er sich zeigen!“ Doch der Zauber des wunderschönen Gemäldes war für immer verflogen.
Autor: Detlef Welker
Mutterlied
Nachweihnachtsgedicht
Nachweihnachtsgedicht –Ver(s)out Verzehrt, die Gans zur Gänze, die Ente bis zum End‘. Vertanzt, die Weihnachtstänze – der Penner hats verpennt. Verwurstet, alle Würste, vermarktet ist der Markt. Verdurstet sind die Dürste. Der Frosch hat sich „verquarkt“. Die Quelle ist verquollen, die Leber ist verlebt. Vergällt sind alle Gallen. Der Klebstoff ist verklebt. Vergeigt hat sich die Geige, verklungen ist der Klang. Verneigt hat sich die Neige, vertrunken ist der Trank. Die Fliege ist verflogen, vergraben ist ihr Grab. Der Zug hat sich verzogen, Die Sau – hat Schwein gehabt.
